Manchester Orchestra – The Valley Of Vision

Manchester Orchestra
(c) Shervin Lainez

Mit dem Release von „The Million Masks Of God“ nach einer längeren Release-Pause hatten Manchester Orchestra scheinbar Blut geleckt. Nur wenige Monate später begann Frontmann Andy Hull bereits mit den Arbeiten an einem Nachfolger und führte zugleich einen frischen Ansatz in das Bandgefüge ein. Anstatt gemeinsam in einem Live-Setting zu arbeiten und aufzunehmen, wurde mit Spuren experimentiert, Drums von einem Track in den nächsten transportiert, von neuen Klängen und Texturen begleitet. Entstanden ist das von einem VR-Film begleitete „The Valley Of Vision“, das sich mit dem Erwachsensein, mit Glaube und Erlösung auseinandersetzt.

Mit sechs Songs in 26 Minuten fällt diese Platte bewusst kompakt aus, hält aber viele spannende Ansätze parat. „Capital Karma“ eröffnet mit sanften Pianoklängen und etwas Rhythmus, bis Hulls Stimme schließlich die Fragilität der Arrangierung unterstreicht. Es bleibt insgesamt relativ ruhig, der Track schwillt nur langsam an, bevor ein Geflecht an Stimmen zum Schluss etwas Bon Iver einbringt, aber auch die auf dem Vorgänger bereits eingebrachten Jónsi-Vergleiche sind nicht ganz fehl am Platz. Das zarte Rhythmuskonzept des nicht minder zarten „The Way“ bemüht sich ebenso um Leisetreterei mit Art-Präfix, bevor sich zum Ende hin der Song öffnet und aufblüht.

Diese Steigerung in den Schlussminuten taucht im Laufe des Albums immer wieder auf, wobei es das Finale „Rear View“ wohl am besten hinbekommt. Viel Gefühl, butterweicher Gesang und wunderbar verzerrte, zugleich klare und glockenhelle Texturen legen Schicht auf Schicht, bauen einen herrlichen Klangwall auf. Man spürt die nahende Eskalation von der ersten Sekunde an, wartet darauf. Erst nach viereinhalb Minuten legt das Quartett einen imaginären Schalter um. Die rollenden Drumsalven wirken fremd und passen doch wie Faust aufs Auge, Gesang und Samples kollidieren auf reizvolle Weise – ein gefühlter Widerspruch, der doch so prima zusammenfindet.

Letztlich klingen Manchester Orchestra anders und zugleich so vertraut. Der frische Ansatz, die kleinen und großen Experimente finden zusammen und ergeben ein bewegendes (Mini-)Album, das stetig weiter wächst. „The Valley Of Vision“ macht bewusst vieles anders, ohne dabei alles über den sprichwörtlichen Haufen zu werfen – eine gekonnte Frischzellenkur für das Quartett aus Atlanta und doch ein stimmiger Eintrag in den ohnehin kurzweiligen Katalog der US-Amerikaner. Operation gelungen: Manchester Orchestra gehen neue Wege und zugleich unter die Haut – alles richtig gemacht.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 10.03.2023
Erhältlich über: Loma Vista Recordings / Concord Records (Universal Music)

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