George Houston – TODC

Mit 19 veröffentlichte er seine erste Single, seither ist George Houston aus Country Donegal nicht mehr aus der britisch-irischen Musikszene wegzudenken. Der Mittzwanziger veröffentlicht seine Musik bewusst in Eigenregie und lässt sich nicht dazwischenreden – ob bei seinem Sound, der mit Folk, Singer/Songwriter, Alternative, Indie, Pop und Rock anbandelt, oder ob bei klarer inhaltlicher Kante. Seine Lyrics finden ihren Ursprung vor allem in Wut und Traurigkeit und erfüllen gerne therapeutischen Zweck, begleitet von einem bewusst non-binären Verständnis der Musikwelt. In Mod-Legende Paul Weller, der ihn zuletzt auf Tour nahm und ihm sein Studio zur Verfügung stand, fand Houston einen begeisterten Förderer. „TODC“ ist sein viertes Album seit 2021.
Der Albumtitel steht für „The Original Death Card“, zugleich Opener dieser Platte. Diese Tarotkarte hat nichts mit Tod zu tun, sondern symbolisiert Veränderung und Wiedergeburt. Nach dieser Veränderung strebt Houston, begleitet von einer bewusst-betont queeren, femininen und irischen Präsentation. Was in besagtem Song nur zur Sammlung wilder, wütender Silben wird, die sich gerne selbst überschlagen und danach richtig schön noisig werden, gibt sich in „Big Footed Mama“ herrlich schillernd und selbstbewusst. Der Schalk lacht Houston förmlich aus dem Nacken, zwischen Western- und Americana-Anleihen, etwas Falsett und Augenzwinkern inmitten ernster Momente – bewusstes Ausreizen glammiger Möglichkeiten im Folk-Mikrokosmos.
Den „Lithmus Test“ besteht Houston souverän, wobei eben jener Song erstaunlich meditativ, ja sogar ruhig ausfällt, das Geschehen auf ein absolutes Minimum herunterbricht. Deutlich mehr ist da schon in „Drag Queen“ los, das im richtigen Moment das Tempo verschärft, aber auch den Ton. Giftige, pointierte Lyrics setzen sich offensiv mit Religion und Scheinheiligkeit auseinander. An anderer Stelle wächst der „Mullet“ als bewusstes Fashion-Statement und Breakup-Mittelfinger, während die angehängte, akustische Fillmore-Live-Version von „Jesus Freaks“ in SanFran hörbaren Anklang findet. „San Francisco“ selbst ist ein eigener sehnsüchtiger Song gewidmet, eine Ode des Fernwehs an die spirituelle Heimat.
Inklusiv und doch nicht erzwungen einladend, so zeigt sich George Houston auf seinem neuesten Streich. Zu behaupten, „TODC“ sei unter dem Eindruck einer global bewegten Zeit entstanden, wäre wohl mehr als untertrieben. Vor allem fällt jedoch auf, wie stark und hörbar sich das Songwriting-Talent weiterentwickelt hat. Es ist eine lange Platte geworden, gerne nur lose zusammengehalten und nicht zu jeder Zeit 100%ig schlüssig, doch macht eben das letztlich ihren Reiz aus. „Drag Queen“ und „Big Footed Mama“ sind Songs für die Ewigkeit, die Lyrics kotzen sich aus und finden doch, wenn notwendig, ein heimeliges bis intimes Zuhause, und auch die mäandernden Arrangements kommen einen Tacken konzentrierter rüber. George Houston wirkt bestens aufgelegt und kostet sämtliche Skills mehr denn je aus – ein auf allen Ebenen mächtiges, herzliches, galliges und bewegendes Mini-Meisterstück.
Wertung: 4,5/5
Erhältlich ab: 13.06.2025
Erhältlich über: George Houston Records
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