Spiritual Cramp – Rude

Spiritual Cramp
(c) Sarah Davis

Im Sommer 2024 landete das erste Album von Spiritual Cramp endlich auch hierzulande, ordentlich verzögert und doch voller Energie. Bereits damals experimentierte das US-Sextett mit diversen Punk- und Rock-Spielarten – ein Ansatz, der nun weiter intensiviert wird und zugleich eine Metamorphose erlebt. Denn der Nachfolger klingt insgesamt ein wenig sonniger, melodischer und dringlicher, ohne jedoch die scharfen Kanten und die Lust auf frischen Wind zu ignorieren. „Rude“ geht erstmals über den Songwriting-Kern von Frontmann Michael Bingham und Bassist Mike Fenton hinaus und bezieht alle Musiker ein. Das macht sich hörbar bezahlt.

Den Rausschmeißer „People Don’t Change“ würde man beispielsweise eher bei Interpol vermuten, sonore Stimme inklusive. Wie der Chorus seine finsteren und doch eingängigen Schwingen ausbreitet, macht ordentlich Laune. Ebenfalls angenehm ungewöhnlich fällt „You’ve Got My Number“ aus. Reggae-Rock-Klänge kennt man von Spiritual Cramp bereits, die Unterstützung durch Sharon Van Etten hatte man sich hingegen weniger erwartet. Und doch ergänzt sie sich prima mit Bingham. Wer auf den obligatorischen Clash-Querverweis wartet, tauscht das Velorensein gegen Gewalt ein: „Violence In The Supermarket“ gestaltet sich herrlich dubbig.

Selbst der Auftakt, der mit einem Faux-Radio-Intro loslegt, hat seinen Charme: Das letztlich als Song viel zu kurze „I’m An Anarchist“ erinnert an die eingängigen Major-Jahre von Against Me!, was nun wahrlich nicht die schlechteste Referenz ist. Hingegen tänzelt „At My Funeral“ durch erdrückende Schwere und findet daran ebenso viel Freude wie an „Young Offenders“, das Synth-Unterhaltung in die Garage lockt und Devo mit The Hives kreuzt. Kann man machen, gelingt hervorragend. Doch auch hibbelige Punk-Töne mit Post-Präfix, darunter das atemlose „I Hate The Way I Look“ und das mit den Ramones anbandelnde „Go Back Home“, machen Laune.

Natürlich gehen diese knapp 32 Minuten viel zu schnell vorüber, die Repeat-Taste ist in Rekordzeit ausgeleiert. Spiritual Cramp tanken sich durch verschiedene Punk-Bausätze, mischen nicht daran beteiligte Karten neu und legen eine phänomenale Auslese hin. „Rude“ wirkt – man möchte es gar nicht sagen – fast ‚erwachsener‘ als der Vorgänger und hat damit doch gar nichts am Hut. Vielleicht sind es die Songs, die organischer und vielschichtiger wirken, die diesen Eindruck hinterlassen. Hier die gesamte Band ranzulassen, erweist sich als Glücksgriff. Kleine Hymnen, große Abrissbirnen und das eine oder andere Experiment machen beste Laune. Spiritual Cramp pendeln sich auf starkem Niveau ein und lassen ihren nächsten Schritt schon jetzt mit Spannung erwarten.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 24.10.2025
Erhältlich über: Blue Grape Music (Membran)

Website: spiritualcramp.com
Facebook: www.facebook.com/spiritualcramptv