Spiral Drive & Lord Fascinator – Reise

Lord Fascinator sammelt musikalische Partner wie andere Menschen Pokémon. Mehr als 100 Kollaborateure aus aller Welt sind nunmehr Teil des ‚Fasciverse‘ des herrlich kauzigen australischen Psych-Pop-Musikers. Neu dabei ist Raphael Neikes aka Spiral Drive aus Mannheim. Sein letztes Album „Visions In Bloom“, zumindest teilweise im Bandformat erarbeitet, hat über drei Jahre auf dem Buckel, ein Nachfolger ist in Arbeit. Für die gemeinsame Platte mit dem Lord ging es aber in eine komplett andere Richtung – krautig, psychedelisch, elektronisch und motorisch. „Reise“ versteht sich als genau das, eine lange Tour mit verschiedenen Transportmitteln.
Los geht es – wie sollte es im Geburtsort des Automobil auch anders sein – mit „Auto“. Das lange Klavierintro täuscht ein wenig, schließlich findet sich das getriebene Leitmotiv und bereitet eine wahre Tour de Force vor. Erst nach der Hälfte der acht Minuten setzt der gehetzte Rhythmus ein, übernimmt der Bass, während sich die Vocals hinter allerlei Effektgeräten hervorkämpfen. Die betont unwirkliche Präsentation macht Laune, während sich die Schleifen immer wieder intensivieren. Eine nicht von der Hand zu weisende Atemlosigkeit liegt in der Luft, selbst eine noisige Zäsur ändert daran herzlich wenig. Stattdessen machen Spiral Drive und Lord Fascinator immer weiter, steigern sich in diesen schlichten und doch so belebenden Track hinein.
Je länger diese Platte dauert, desto eigenwilliger und hypnotisierender wird sie. Wie in „Flug“, dessen Leerstellen nur langsam geschlossen werden. Sympathischer Dream-Pop gesellt sich zum ansonsten hibbeligen Arrangement, psychedelische Verfremdung trifft auf den Charme von M83. Das geht ins Ohr und in die Beine, lebt aber letztlich von seiner Armada an Effektgeräten. „Rad“ strahlt hingegen erstaunlichen Stress aus, nur um mit ein paar Ad-libs zu überraschen. Der Synthesizer rattert rauf und runter, die Beach Boys winken freundlich vom Endlos-Tandem, bevor dem Song nach und nach die Luft rausgeht. Wie ein Reifen, der einen Plattfuß erleidet, verlangsamt sich das Arrangement bis zum absoluten Stillstand.
Schräg? Absolut. Gut? Und wie! Was Sprial Drive und Lord Fascinator zeitweise abziehen, gibt Rätsel auf. Atemlose Schleifen wollen nicht enden und führen auf die Straße, in die Luft, über Wald und Wiese, auf hohe Berge und in tiefe Täler. Der permanent greifbare, nervöse Krautrock-Ansatz macht Laune, holt vor allem Spiral Drive zeitweise aus der Komfortzone und klingt doch für alle absolut natürlich. „Reise“ hat schier unerschöpfliche Energiereserven zu bieten, brennt sich ein und wirkt dabei angenehm unangestrengt, ja sogar verwaschen bis verträumt. In welche Richtung die neue reguläre Spiral-Drive-Platte gehen wird, darf mit Spannung erwartet werden. Spätestens jetzt ist der perfekte Zeitpunkt, das bunte Fasciverse näher zu erkunden.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 17.07.2026
Erhältlich über: Midnight Rainbow
Spiral Drive: www.spiraldrivemusic.com
Lord Fascinator: www.lordfascinator.com
