Ali Barter – Hello, I’m Doing My Best

Ali Barter
(c) Kane Hibberd

Was, wenn sich Avril Lavigne nach ihrem Debütalbum entschlossen hätte, ihrer Musik Ecken und Kanten zu verpassen? Vermutlich wäre sie heute dort angelangt, wo sich aktuell Ali Barter befindet. Die australische Sängerin, Songwriterin und Gitarristin erinnert mit ihrem kompromisslosen Pop/Rock-Vibe, der durchaus aus den frühen 2000ern stammen könnte, unter anderem an Charly Bliss. Auf ihrem zweiten Album „Hello, I’m Doing My Best“ zeigt sie sich nicht ganz so wütend und angsty wie zuletzt, bleibt aber angriffslustig, introspektiv und selbstironisch.

Wie „Ur A Piece Of Shit“ mit den Dämonen und Verfehlungen der Jugend abrechnet, ist grandios. Pulsierende Gitarren, lieblicher Gesang und Abhandlungen über Essstörungen sowie toxische Beziehungen säumen dreieinhalb kurzweilige Minuten. Die Frage „Are You Happy Now?“, die Barter gegen Ende des Albums aufwirft, ist legitim. Vergleichsweise gemächliche Töne mit deutlichem Pop-Bekenntnis zeigen eine weitere Facette der australischen Künstlerin.

Am besten ist Barter immer dann, wenn sie die Zähne zeigt, egal ob musikalisch oder textlich. „Backseat“ springt frontal entgegen und hält herzlich wenig von Kompromissbereitschaft. Punkige Untertöne, schneidende Gitarren und unwiderstehliche Hooks machen Laune. Wie sich „History Of Boys“ immer wieder entblättert und dabei die selbstzerstörerischen frühen 20er der Australierin seziert, weiß zu unterhalten. Und dann wäre da noch der packende Rausschmeißer „I Won’t Lie“. Hier hat jemand offenkundig „Where Is My Mind?“ gehört, zumindest finden sich ein paar Überreste davon in der Melodie. Die getragene Halb-Ballade entfaltet angenehmen Wumms.

Nach knapp 35 Minuten ist dieser Zweitling auch schon wieder vorbei – viel zu früh, viel zu plötzlich. Man könnte Barter ewig zuhören, wie sie ihr Innerstes auf den Seziertisch legt, lässig über den Dingen steht und doch mit blanker Ehrlichkeit punktet. Die starken Songs, gerne mal schroff und frontal präsentiert, erweisen sich als etatmäßiges Tüpfelchen auf dem I. „Hello, I’m Doing My Best“ verdient sämtliche Aufmerksamkeit, denn hier schwimmt eine kleine, unerwartete Perle an die Oberfläche und präsentiert eine Künstlerin, die schon bald in einem Atemzug mit Jade Bird oder Courtney Barnett zu nennen sein wird.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 18.10.2019
Erhältlich über: Inertia Music / [PIAS] (Rough Trade)

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