American Football – American Football (LP4)

American Football
(c) Alexa Viscius

Neue Alben von American Football verlangen Geduld, nicht nur aufgrund der zwischenzeitlichen Auflösung. Ihre dritte selbstbetitelte Platte hat aber tatsächlich über sieben Jahre auf dem Buckel. Nach der letzten Tour 2019 plante man eine Pause, die sich pandemiebedingt deutlich verlängerte. Steve Lamos war zwischenzeitlich ausgestiegen, um sich auf Beruf und Privatleben zu konzentrieren, die Zoom-Sessions waren alles andere als fruchtbar. Stattdessen gab es Nachschub diverser Kinsella-Nebenschauplätze, wie Owen und LIES. Und dann klappte es doch noch – mit Sonny DiPerri als treibende und zugleich beruhigende Kraft hinter den Reglern sowie ordentlich Vorarbeit von Nate Kinsella. „American Football (LP4)“ klingt entsprechend mächtig und intensiv, bei aller Intimität.

Überaus aussdrucksstarke Texturen und trockende, aufwühlende Texte statten diese Platte aus. Wie in „Patron Saint Of Pale“, in dem Mike Kinsella mit seiner baldigen Ex-Frau lieber Schere-Stein-Papier spielen möchte, als die Scheidungspapiere zu unterschreiben. Das passenderweise luftige und zugleich schwerfällige Arrangement erforscht diese Zwischenwelten mit erstaunlicher Präzision, findet Platz für feine Nuancen und überrascht mit einem nahezu funkigen Basslauf mittendrin. Wer der „Man Overboard“ im Opener ist, bleibt offen, doch werden Isolation und Hoffnungslosigkeit auf packende Weise inszeniert. Die proggigen, nervösen Drums schaffen einen wunderbaren Gegenpol zum Post-Rock-Aufbau, der sich unmerklich und zugleich begeisternd entlädt.

Details sind wichtig, gerade in Mini-Epen wie dem achtminütigen „Bad Moons“. Beiläufiges Geklimper am Klavier schafft die Grundlage für angedeuteten Eskapismus, der letztlich doch in düsteren Gedanken und beklemmenden Erkenntnissen mündet. Zart schleicht sich der Track an, langsames Anschwellen führt schließlich zu einem kathartischen Plateau. Emo-Reste treffen auf wahnwitzigen Post Rock. Die komplette Zerstörung von „No Soul To Save“ wird von hoffnungsvollen, erstaunlich sanftmütigen Tönen begleitet. Ist der Untergang ein Grund zur Freude? Ist das Akzeptanz? Oder besteht dennoch eine Chance auf … was auch immer? Antworten beißen sich im Auge des Betrachters fest.

Und dieses Auge tränt beträchtlich. An manchen Stellen bleiben American Football bestenfalls schemenhaft erkennbar, nur um anderenorts mächtige emotionale Wände hochzuziehen und mit erstaunlicher Hingabe einzureißen, Schritt für Schritt, Note um Note. Das macht diese 50 Minuten natürlich schwer verdaulich, gerade bei den ersten Durchläufen, doch so lohnenswert. Etwas mehr Post Rock und beeindruckender Tiefgang lassen den vierten nach der Band benannten Longplayer regelrecht erstrahlen. American Football lehnen sich weiter aus dem Fenster, machen Langatmigkeit zur Tugend und zerlegen emotionale Widersprüche mit der ganz feinen Klinge – großes Kino für Geduldige.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 01.05.2026
Erhältlich über: Polyvinyl Record Co.

Website: www.americanfootballmusic.com
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