Pokey LaFarge – Rock Bottom Rhapsody

Pokey LaFarge
(c) Larry Niehues

2018 übersiedelte Pokey LaFarge von St. Louis nach Los Angeles. In seiner neuen Umgebung fand der Swing- und Americana-Troubadour viele neue Ideen und ordentlich Inspiration, erlag aber auch so mancher Versuchung. Zahlreiche schlechte bis katastrophale Entscheidungen waren die Folge. „Rock Bottom Rhapsody“ nimmt diese Zeit nun mit – geschrieben während dieser Abwärtsspirale, aufgenommen in der Zeit danach, als sich das Privatleben zu einer Art Scherbenhaufen gewandelt hatte. Selten ging die Text-Musik-Schere bei LaFarge so weit auseinander.

Besagten Spagat machen die ersten beiden Tracks nach dem kurzen Intro prima vor. Wie „End Of My Rope“ Country, Folk und Jukebox-Klänge mit ein wenig Uptempo mischt und dabei den Strang als metaphorisches Ende der Fahnenstange heranzieht, kommt gut. Obendrein ist der Track eingängig wie Sau. Das gilt auch für das verspielte, aufstampfende „Fuck Me Up“. Hier steckt der Fatalismus bereits im Songtitel, wird allerdings vom launigen Bar-Piano herrlich ins Gegenteil verkehrt. Im dazugehörigen Clip inszeniert LaFarge sein eigenes Begräbnis und mutiert schließlich zum Cartoon-Teufel. Kann man machen, hat Stil.

Wie auf den bisherigen Platten des US-Amerikaners regiert auch hier stilistische Retro-Pluralität. Der Sound wirkt aus der Zeit gefallen, die Texte sind allerdings hochmodern und spielen zuweilen mit beißendem Zynismus. Anders lässt sich „Fallen Angel“ mit seinem Soul-Stomp und einem Hauch Jazz-Club-Klang nicht erklären. Seltene ruhige Momente, wie das an klassische Hollywood-Streifen erinnernde „Lucky Sometimes“, spielen mit der Musik eines goldenen Zeitalters, das heute gerne idealisiert wahrgenommen wird. In „Ain’t Comin‘ Home“ mimt LaFarge schließlich den alten County- und Americana-Barden mit Charme und Nachdruck.

Irgendwo zwischen Post-Crooner und tragisch-zeitloser Retro-Figur bleibt Pokey LaFarge eine interessante Erscheinung. Das Eintauchen in persönliche Abgründe, gekreuzt mit Musik aus einer anderen Ära, klang selten so unterhaltsam wie auf „Rock Bottom Rhapsody“. Aus der Beinahe-Selbstzerstörung bezog – und bezieht – LaFarge erstaunliche Kräfte und legt ein vor kreativen Einfällen geradezu überschäumendes Album hin, schrullig wie sympathisch. Auf dass sein kreatives Ende des Stranges noch lange nicht erreicht sein mag.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 10.04.2020
Erhältlich über: New West Records / PIAS (Rough Trade)

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