Myrath – Wilderness Of Mirrors

Vielerorts werden Myrath immer noch dem Progressive Metal zugeordnet – selbst Wikipedia beharrt hartnäckig auf diesem Eintrag. Dabei hat das tunesisch-französische Quintett spätestens mit „Shehili“ den Kurs endgültig Richtung Symphonic Power Metal korrigiert, ohne jedoch ihren ungemein spannenden orientalischen Einschlag zu verlieren. Genau diese Wurzeln waren es, die den Sound der Band stets so besonders machten. Auf dem 2024 erschienenen Vorgänger „Karma“ wurde dieser Ethno-Fokus jedoch zugunsten einer klareren Power-Metal-Kante zurückgefahren, was in der Fanszene für Diskussionsstoff sorgte. Das dieser Tage erscheinende Album „Wilderness Of Mirrors“ steht dementsprechend unter besonderer Beobachtung: Es wird verdeutlichen, in welche Richtung sich Myrath musikalisch entwickeln.
Der Opener „The Funeral“ sorgt direkt für eine handfeste Überraschung: Statt der gewohnten nahöstlichen Skalen setzt das Intro auf sub-saharische Einflüsse. Myrath blicken hier über den Tellerrand des Maghreb hinaus und integrieren pan-afrikanische Rhythmen sowie Choräle, die dem Song eine erdige, fast rituelle Tiefe verleihen, bevor die Power-Metal-Breitseite übernimmt. Die Nummer braucht zwar einen Moment, bis sie voll zündet, entpuppt sich dann aber als klares Highlight. Noch packender präsentiert sich die Vorabsingle „Until The End“, bei der Sänger Zaher Zorgati im Duett mit Amaranthes Elize Ryd glänzt. Ihre Stimmen harmonieren prächtig, während Myrath hier die orientalischen Einflüsse wieder in Reinkultur zelebrieren. Dieser Track gehört ohne Zweifel zum Besten, was die Band bisher auf Scheibe gebannt hat.
Schon nach den ersten Songs des Albums fällt allerdings auf, dass Myrath dieses Mal des Öfteren die gewohnte Durchschlagskraft vermissen lassen. So ist „Breathing Near The Roar“ zum Beispiel durchaus eine anständige Rocknummer, die aber definitiv etwas mehr Power vertragen hätte. Das ist besonders deswegen schade, weil der Song – davon abgesehen – mit einer wunderbaren Melodie und weiteren spannenden pan-afrikanischen Einflüssen glänzt. Ähnlich verhält es sich mit „Still The Dawn Will Come“ und „Edge Of The Night“, die zwar beide atmosphärisch dicht sind, denen aber der letzte Punch fehlt. „The Clown“ hat diesen Punch, klingt musikalisch aber sehr europäisch – ob das von Vor- oder Nachteil ist, mag jeder selbst entscheiden. Dass Myrath aber keineswegs verlernt haben, wie man mitreißende Hymnen schreibt, beweisen sie eindrucksvoll mit dem abschließenden „Through The Seasons“. Hier greifen die Zahnräder perfekt ineinander: Die orchestrale Opulenz, mächtige orientalische Einflüsse, Zahers charismatische Stimme und die filigrane Gitarrenarbeit von Malek Ben Arbia verschmelzen zu jenem Breitwand-Sound, den man von den Tunesiern erwartet.
Apropos Sound: Die Produktion ist gewohnt makellos und transparent. Jedes orchestrale Detail und jedes exotische Perkussion-Element findet seinen Platz, ohne den Metal-Kern zu erdrücken. Wer Myrath für ihre rohe, progressive Unberechenbarkeit liebte, mag den Sound inzwischen vielleicht als eine Spur zu hochglanzpoliert empfinden. Doch wer epischen Power Metal mit Fernweh-Garantie sucht, kommt an diesem Werk nicht vorbei. „Wilderness Of Mirrors“ ist ein mutiger Schritt, der den afrikanischen Horizont der Band erweitert. Auch wenn das Quintett stellenweise das Tempo drosselt, entschädigen die kompositorische Reife und die gewohnt exzellente Gesangsleistung für die fehlenden Ecken und Kanten. Es handelt sich somit um ein Album, das Zeit braucht, um seine volle Pracht zu entfalten. Nicht das beste Myrath-Werk – diese Ehre gebührt nach wie vor dem Meilenstein „Tales Of The Sands“ – aber definitiv ein starkes Album, das zeigt, dass die Band auch mit angezogener Handbremse überzeugen kann.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 27.03.2026
Erhältlich über: earMUSIC (Edel)
Website: myrath.com
Facebook: www.facebook.com/myrathband
