Boston Manor – Glue

Boston Manor
(c) Pure Noise Records

Stillstand? Nicht mit Boston Manor! Vor vier Jahren explodierten die Briten mit ihrem Debütalbum „Be Nothing.“ förmlich und setzten kurzweiligen Pop-Punk mit Emo-Schlagseite vor. Im Laufe der Jahre, zuletzt auf „Welcome To The Neighbourhood“, wurde der Sound des Quintetts etwas rauer, rockiger und wuchtiger. Mit allerlei Alltagssorgen und der emotionalen Düsternis einer sich schließenden modernen Gesellschaft konfrontiert, passt sich der Drittling „Glue“ den Gegebenheiten an und wagt zahlreiche Experimente. Seinen Eltern, so Sänger Henry Cox, gefalle die Platte nicht so gut wie die beiden Vorgänger. Das macht Sinn.

Musikalisch häuteten sich die Herren aus Blackpool ein weiteres Mal, und so sind Tracks wie „Ratking“ nun deutlich typischer für den gegenwärtigen Sound. Irgendwo zwischen Alternative Rock, Post-Hardcore und ein wenig Punk angesiedelt, spielt das Quintett mit bleierner Schwere, packenden Hooks und einem Hauch von Verzweiflung. Die schiere Wucht von „1’s & 0’s“ reißt hingegen vom Hocker. Wütende Squeals, packende Shouts und gekonntes Spiel mit Laut-Leise-Dynamik geben sich die Klinke in die Hand. Gerade angesichts der eingesetzten Effekte fremdelt der Track zunächst, entwickelt sich aber schnell zum Überflieger.

Zugleich arbeitet „Glue“ stärker mit ruhigeren Momenten. „You, Me & The Class War“ nimmt sich ordentlich Zeit, um zu explodieren, arbeitet dann dafür mit feinen Stakkato-Attacken. In „Stuck In The Mud“ schlagen Boston Manor sogar balladeske Klänge an, welche in „Terrible Love“ eine beklemmende Fortsetzung erfahren. An die Anfänge fühlt man sich nur selten erinnert, vielleicht im schmissigen „Brand New Kids“ oder dem bissigen Opener „Everything Is Ordinary“. Stattdessen regieren nun Post-Grunge-Flair („Plasticine Dreams“) und eingängige Derwisch-Exkurse („Only1“).

Natürlich klingen Boston Manor jetzt ganz anders und rücken ihre Pop-Punk-Wurzeln weiter denn je in den Hintergrund. Das Händchen für gute, packende Melodien ist den Briten allerdings geblieben. Ihr „Glue“ ist ein kauziger, mehrköpfiger Bastard zwischen maximaler Eingängigkeit, rifflastiger Urgewalt, vielschichtigen Songwriting-Skills und bärbeißiger Härte. Stellenweise erinnert das fast schon an etwas ruhigere Architects, dann an You Me At Six und doch immer kompakt Boston Manor. Gerade in den ruhigen, ausgedehnt ziellosen Momenten besteht noch Nachholbedarf, die Richtung stimmt jedoch: Hier setzt eine junge Band zum großen Höhenflug an.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 01.05.2020
Erhältlich über: Pure Noise Records (Soulfood Music)

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