Antony Szmierek – Decoding Birdsong

Ein Dichter transportiert die Kraft des gesprochenes Wortes in das Herz der elektronischen Musikwelt: Antony Szmierek legte erst im Vorjahr mit „Service Station At The End Of The Universe“ sein erstes Album vor. Spoken-Word-Vorträge trafen auf mal tanzbare, mal Ambient-artige Klänge, Vergleiche mit Mike Skinner, Jarvis Cocker und John Cooper Clarke (nicht aber Joe Wilkinson) folgten schnell. Der Nachfolger entdeckt den Zufall als Religion und hilft dabei, das eigene Glück zu schmieden. Die Magie der kleinen Dinge und das Risiko einer offenen Lebensweise thematisiert nun „Decoding Birdsong“ und sucht nach den Konsequenzen des Glücks.
Der Hit dieser Platte lauert an zweiter Stelle: „The Heron“ holt sich House-Töne hinzu, pulsierende Beats und Piano-artige Klänge kreisen über dem Arrangement. Der kurze, gesungene Refrain brennt sich ebenso ein wie die mit kraftvoller, tiefer Stimme vorgetragenen Verse. Inmitten der Disco-Pumpe fühlt man sich nie mehr alleine, gerne mal auf etwas unbequeme Weise. An anderer Stelle greift das Zwischenspiel „The Same Heron Again“ den Exzess auf. Woher die Vergleiche mit Mike Skinner kommen, zeigen Tracks wie „You’re Not Supposed To Do This Forever“. Beats und Melodie tragen in eine HipHop-lastigere Richtung, die kurze und doch dominante Hook lässt nicht los.
Je länger dieses Albums dauert, desto kurzweiliger und schillernder fällt es aus. Wie das überdrehte „Flight Simulator“ mit Imogen And The Knife, das eine großartige weitere Stimme hinzuholt und in seiner technoiden Präsentation ein wenig an Underworld zu Beginn des Jahrtausends erinnert. „Chalk“ bewegt sich in ähnlichen Gefilden, vielleicht mit etwas mehr 90s-Touch, täuscht einen Rave an und lässt Szmierek mit dem Arrangement verschmelzen. Pointierte Zeilen mutieren zum weiteren Instrument. 1-800 GIRLS gastiert in „Godzilla Hotel“, das UK-Garage-Ergebnis ist eine willkommene Überraschung. Wie auch der stotische Titelsong „Decoding Birdsong“, der sich dem Exzess auf der Tanzfläche nähert und doch viel zu früh abbricht. „Two Months Off“ lässt grüßen.
Das muss man erst einmal sacken lassen: „Decoding Birdsong“ nähert sich der Überforderung und hat trotz stattlicher Länge keinerlei Durchhänger zu bieten. Vor allem ist genaues Zuhören hier ein Muss, denn hinter Szmiereks Worte stecken Herz, Leidenschaft und Intensität – manchmal etwas unbequem, mal hoffnungsvoll, bevorzugt auf dem schmalen Grat zwischen den Extremen wandelnd. Die Musik kann locker mithalten, von furiosen Disco-Bangern über elektronifizierte HipHop-Exkurse bis zur semi-technoiden Meditationen reichend. Überwältigend, immersiv, nachdenklich und wie für konzentrierte Auseinandersetzung nebst heißlaufenden Sohlen gemacht: Antony Szmierek überzeugt mit seinem bärenstarken zweiten Album.
Wertung: 4/5
Erhältlich ab: 21.08.2026
Erhältlich über: Mushroom Music / Virgin Music Group
Website: www.antonyszmierek.co.uk
Instagram: www.instagram.com/antonyszmierek
