Nichtseattle – Große Liebe

Nichtseattle
(c) Sascha Schlegel

Die Suche nach der großen Liebe – eines der zentralen Themen (oder Klischees, je nach Perspektive) der Musikwelt seit Jahrzehnten. Auch an Nichtseattle alias Katharina Kollmann ist sie nicht spurlos vorbeigegangen. Zweieinhalb Jahre nach dem wegweisenden „Haus“ meldet sie sich in kompletter Bandbesetzung zurück. Im Rahmen der Live-Aktivitäten wuchsen Nichtseattle zum Quintett, gingen als solches ins Studio, zudem produzierte Kollmann gemeinsam mit ihrem Gitarristen Sönke Torpus. „Große Liebe“ denkt den vertrauten, ausufernden Sound weiter und gibt seine ureigene Definition davon ab, was hinter diesem universellen Konzept tatsächlich stecken kann.

Es geht nicht (nur) um den/die Partner:in, sondern um Liebe in all ihren Formen und aus allen Perspektiven. Um Freunde und Familie, um Wegbegleiter, um Chosen Family. Die zittrige Schönheit von „Schnee“ bringt den Bandsound mit den Klängen früherer Platten zusammen – roh und reduziert, in den richtigen Momenten groß und energisch schleppen sich die vergleichsweise kurzen viereinhalb Minuten durch die Szenerie und leben von ihrem grandiosen, fast fieberhaften Finale. „Eine Wohnung mit einem Haus“ punktet mit Laut-Leise-Dynamik. Sanftes Anschwellen, kathartische Mini-Explosionen, intime Einschübe und eine Erweiterung des Haus-Begriffs, ohne sich ausschließlich auf vertraute Themenkreise zu konzentrieren, fahren durch Mark und Bein.

Wie viele andere Tracks auch: Die zurückgelehnte Getriebenheit von „Stubenfliege“ fällt stürmisch und zugleich behutsam aus, bastelt kühne Kartenhäuser und sackt am Höhepunkt zusammen. Das zögerliche Schleichen von „Dallas“ nimmt alle mit, klingt stellenweise angenehm sonnig und ruht sich doch nie aus – sinnbildlich für den langen, stets spannenden Weg von Nichtseattle. Dieser endet mit „Fremde“, zumindest für diese Platte. Der überlange Rausschmeißer spielt sich vier Minuten lang in vertrauten alten Mustern ab, stellt Kollmanns Stimme nur ein paar locker angeschlagene Klaviertöne zur Seite. Das lautstarke, verspielte Finale mit einer Prise Hausmusik findet sich dann im Hier und Jetzt wieder – ein cleverer Songwriting-Kniff.

Wobei ‚clever‘ Nichtseattle keinesfalls gerecht wird, sich wie berechnende Absicht liest – und nichts an dieser Platte ist auch nur annähernd berechnend. Stattdessen steckt abermals viel Gefühl in „Große Liebe“, natürlich viel Herzblut und zugleich der bewusste Schritt zu etwas neueren Ufern. Dank Band klingt das Ergebnis größer, vielschichtiger, glättet ein paar Kanten und arbeitet doch weiterhin mit bestens vertrautenden Tugenden. Das ausladende, ausdauernde Erzählformat, das Spiel mit Plateaus und behutsamen Aufbauten, die konkrete Explosivität ohne schwammige Metaphern – hier steckt alles drin, was man sich von Nichtseattle erhofft. Auch wenn der pure, gewaltige Wahnsinn des epochalen Vorgängers nicht ganz erreicht wird, pendelt sich „Große Liebe“ auf richtig hohem Niveau ein und erfüllt das Herz mit lieblicher Größe.

Wertung: 4/5

Erhältlich ab: 25.09.2026
Erhältlich über: Staatsakt (Bertus)

Website: www.nichtseattle.de
Facebook: www.facebook.com/Nichtseattle